"Ich würde mir stellenweise mehr Mut wünschen, noch unbekannte Herausforderungen anzugehen, etwa was die digitale Zukunft des Hafens angeht."

Marco Molitor ist Vorstand der dbh Logistics IT AG, die das Hafeninformationssystem der bremischen Häfen entwickelt und betreibt. Molitor, der in Bremen-Borgfeld lebt, verrät im Interview, wie sich Innovationsfähigkeit und hanseatische Tugenden vereinen lassen und was er sich für die Zukunft am Standort wünscht.

Ein Porträtfoto von Marco Molitor in Sakko und Hemd.
Marco Molitor, Vorstand, dbh Logistics IT AG

Herr Molitor. Sie sind gebürtiger Berliner und kamen dann als Grundschüler nach Bremen. Wie kam es, dass Sie nun einem der wichtigen Infrastrukturdienstleister in den bremischen Häfen vorstehen?

Ich erinnere sehr gut, dass ich als Junge auf dem Bremer Marktplatz stand und die faszinierenden historischen Gebäude sah. Das hat einen großen Eindruck auf mich gemacht. In diesem Moment wusste ich: ich will Kaufmann werden. So habe ich eine Ausbildung zum Speditionskaufmann absolviert und mich dabei besonders für das Thema Zollabwicklung interessiert. Diese Fähigkeiten konnte ich bei dbh gut gebrauchen.

Wie meinen Sie das?

Von 1973 bis Anfang der 2000er Jahre war dbh fast ausschließlich im Bereich der Hafentelematik aktiv. Dieses Feld sollte strategisch ergänzt werden um Software für elektronische Zollabwicklung unter ATLAS. Ich hatte mich dem Thema Zoll wie gesagt schon früh gewidmet, insofern passte das gut. Damals war dbh früh dabei, es gab kaum Softwareanbieter, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, es war aber erkennbar, dass der Zoll die nächsten Jahre die komplette Zollabwicklung digitalisieren will. Strategisch war das also sehr sinnvoll und die Zeiten, in denen ich beim Zoll stand und frecherweise an die Scheibe geklopft habe, sollten vorbei sein. Aus den damaligen 5 Kunden sind bis heute etwa 2000 Zoll-Kunden geworden.

Wie hat sich die Unternehmenskultur gewandelt?

Ich denke im Kern sind wir den klassischen hanseatischen Werten wie Verlässlichkeit treu geblieben. Aber natürlich ändern sich die Zeiten. Für uns ist zum Beispiel der Fachkräftemangel ein großes Thema. Denn wir brauchen ja unter anderem gleich zweierlei Spezialisten: IT-Experten und Branchen-Spezialisten. Unsere eigenen Experten verstehen die Anforderungen unserer Kunden und unsere Kolleginnen und Kollegen in der Softwareentwicklung schaffen dann daraus eine Lösung. Das Ganze betreiben wir dann auch noch in unserem eigenen Rechenzentrum und stehen unseren Kunden jederzeit mit Experten im Support zur Verfügung. Alles, was wir unseren Kunden bieten, wird in Deutschland entwickelt, gespeichert und unterstützt. Und das geht natürlich nur mit Spitzenkräften mit sehr verteilten Fähigkeiten.

"ein Obstkorb alleine reicht da natürlich nicht. "

Wie kann man solche Kräfte gewinnen und halten?

Also ein Obstkorb alleine reicht da natürlich nicht. Wir stellen zum Beispiel längst nicht mehr nur standortbezogen ein, sondern kompetenzbezogen. Das heißt: alle arbeiten in Deutschland, aber wir haben eben auch Mitarbeitende, die fast ausschließlich von anderen Orten aus arbeiten. Das Wichtigste ist meines Erachtens aber Wertschätzung für die Mitarbeitenden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Selbstwirksamkeit sehr sinnstiftend für Angestellte ist, also wenn sie zum Beispiel erleben, dass die Anwendung, an der sie arbeiten, nachher tatsächlich im täglichen Einsatz beim Kunden auf dem Bildschirm ist. Etwas Sinnvolles zu tun, das ist vielen Mitarbeitenden bei uns wichtig, mir selbst übrigens auch. Dagegen können Sie jeden Obstkorb einpacken – obwohl es diesen bei uns natürlich auch gibt (lacht).

Wie haben sich die Anforderungen an die Mitarbeitenden denn in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Heute arbeiten wir komplett agil, dadurch wird zum Beispiel auch in der Softwareentwicklung deutlich mehr kommuniziert. Die Verantwortung, die früher eine Projektleitung getragen hat, verteilt sich heute auf mehrere Schultern, das bedeutet für jeden und jede Einzelne aber eben auch mehr Verantwortung. Zudem müssen Entwickler heute bereits deutlich schneller die ersten Ergebnisse präsentieren können. Insgesamt kann man sagen, die Anforderungen an Softwareentwicklung, Betreuung und in jüngster Vergangenheit auch an den Betrieb sind deutlich gestiegen. Letzteres u.a. durch erhöhte Cyber Security.  

dbh hat die Zollabfertigung digitalisiert. Wieviel Spielraum für Innovationen sehen Sie für das Geschäftsmodell von dbh?

Wir sehen mehrere Treiber für Innovationen. Die politischen Entwicklungen auf der Welt zum Beispiel. Unternehmen müssen den wirtschaftlichen Sanktionen nachkommen und dafür die Sanktionslistenprüfung managen. Im Zollbereich sind es auch die sich ändernden gesetzlichen Vorgaben aus Brüssel und Berlin, die den Arbeitsalltag unserer Kunden prägen und damit natürlich auch mitdefinieren, was unsere Software leisten muss. Und zum anderen sind es die Anforderungen der Kunden, mit denen wir laufend den Dialog pflegen. Nicht nur wenn es zum Beispiel darum geht, Insellösungen zu konsolidieren und zusammenzuführen.

Wie gesagt: Wir hören zu und wollen pro-aktiv verstehen, welche Herausforderungen und möglichen Probleme auf unsere Kunden zukommen, bevor es soweit ist. Damit wir schon die passende Lösung haben, bevor der Kunde das Problem hat. Wir sind immer ein paar Jahre voraus.

Marco Molitor, Gesprächsbild an Konferenztisch

"Wir sind immer ein paar Jahre voraus."

Hätten Sie da ein Beispiel parat?

Wir haben auf diesem Wege zum Beispiel sehr früh mitbekommen, dass eine Änderung der Einfuhrbestimmungen für verbrauchssteuerpflichtige Waren, also z.B. Bier im Gespräch war und konnten ableiten, was unsere Kunden dann benötigen würden. So konnten wir die passende Lösung mit einem hohen Reifegrad auf den Markt bringen. Dafür muss man seiner Zeit voraus sein. Das schaffen wir zum Beispiel mit Pilotpartnerschaften, in denen wir sehr konzentriert entlang der Kundenbedürfnisse Lösungen schaffen, die gegebenenfalls nachher auch für andere interessant sein können.

Die dhh Logistics IT AG wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Begonnen hat das Unternehmen als Betreiber des Hafeninformationssystems. Mit ihren Hafenlösungen erwirtschaftet dbh heute noch 30 % des Umsatzes. Etwa die Hälfte des Umsatzes des Unternehmens stammt aus dem Geschäft mit Software für den Außenhandel, d.h. Zollabwicklung, Sanktionslistenprüfung, Exportkontrolle und den Versand. Die Speditionssoftware Fiduz erwirtschaftet die verbleibenden 20 %. Sämtliche IT-Lösungen werden in zwei eigenen Rechenzentren in Bremen betrieben. Die dbh Logistics IT AG hat rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sitzt im Herzen Bremens in der Martinistraße. Außerdem hat dbh weitere Standorte in Hamburg, Lübeck, Dortmund, Würzburg, Wilhelmshaven und Frankfurt am Main.

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Was fragen Ihre Kunden noch nach?

Wir finden zum Beispiel Wege, Sparpotenziale zu erschließen, etwa was die Zolldeklaration angeht. Grob gesagt: Man könnte die Jogginghose und das Oberteil getrennt deklarieren, oder zusammen als Jogginganzug und dabei sparen. Das ist ein kleines Beispiel, unsere Software liefert dem Kunden solche Vorteile. Etwas größer gedacht versuchen wir unsere Kunden ganzheitlich zu betreuen, also nicht nur mit einer Software als Insellösung, sondern idealerweise mit unserem kompletten Portfolio. In der Spedition beispielsweise können wir mit unserem Speditionssystem Fiduz die Hafen- und Zollabwicklung gleich komplett integriert anbieten, auch die Sanktionslistenprüfung ist schon dabei, ein CRM und eine elektronische Rechnungseingangskontrolle ebenso. Das ergibt dann für den Kunden ein rundum vollständiges System und macht Sinn.

Die bremischen Häfen sind die Keimzelle von dbh. Was bietet der Standort aus Ihrer Sicht?

Bremen ist für uns nach wie vor unser Hauptstandort, die meisten Mitarbeitenden arbeiten von hier aus und wir fühlen uns hier sehr wohl. Außerdem schätze ich hier die kurzen Wege.

Was würden Sie sich vom Standort, von den Unternehmen vor Ort in Bremen und Bremerhaven wünschen?

Ich würde mir stellenweise mehr Mut wünschen, noch unbekannte Herausforderungen anzugehen, etwa was die digitale Zukunft des Hafens angeht. An manchen Stellen sind wir vielleicht noch ein wenig zu zurückhaltend. Wir müssen uns mehr bei Projekten zusammenfinden und gemeinsam handeln.

Das klingt nach einer Art Hanse 2.0?

Wenn Sie so wollen. Es gibt gute Ansätze. Nehmen Sie zum Beispiel das Smartport-Projekt von bremenports. Das ist ein vielversprechender Weg, lebt allerdings von der Beteiligung der entscheidenden Player. Wenn wir die kurzen Wege nutzen, uns zusammenfinden und unsere jeweiligen Kompetenzen bündeln, dann kann da schon etwas draus werden. Außerdem sollten wir mehr über unsere Leistungen kommunizieren und uns austauschen, um zukunftsfähig zu bleiben.

Ein gutes Stichwort. Welchen Stellenwert hat bei dbh denn Nachhaltigkeit?

Das wird nicht nur für unsere Kunden immer wichtiger, sondern ist uns auch ein wichtiges Anliegen. Für das Kerngeschäft betreibt dbh zwei Rechenzentren in Deutschland. An einem normalen Tag benötigen unsere Server etwa 3.000 Kilowattstunden, also soviel Strom, wie Sie in Ihrem Privathaushalt in einem Jahr verbrauchen würden. Wir haben beschlossen, dass wir 2025 klimaneutral sein wollen. Dafür könnten wir natürlich einfach nur Zertifikate kaufen. Aber das reicht uns nicht. Wir werden den Verbrauch senken.

Wie innovationsfreudig sind Sie persönlich?

Ich mag Veränderungen, außer was meinen Arbeitgeber angeht. (lacht.) Ich nutze gerne neue Technik und freue mich über neue technische Errungenschaften. Wenn es etwas Innovatives zu erkunden gibt, bin ich dabei.

 

Herr Molitor, Danke für das Gespräch und alles Gute zum Jubiläum!