Dr. Christin ter Braak-Forstinger

ist überzeugt, dass wir dringend einen Systemwandel brauchen. Die bewusste Investorin, Gründerin der Anlageberatungsgesellschaft Chi Impact Capital und mehrfache Buch-Autorin setzt sich pro-aktiv dafür ein, dass der Wandel zu einer regenrativen Wirtschaft Realität wird. In ihrem Buch „Conscious Investing“ (Bewusstes Investieren) beschreibt sie warum wir dringend einen Systemwandel zu einer regenerativen Wirtschaft brauchen und wie bewusste Investments dazu beitragen können diesen Wandel zu erreichen.

Die gebürtige Österreicherin ist nach verschiedenen Stationen im Ausland unter anderem an der in Harvard- und Duke Universität in den USA seit vielen Jahren in der Schweiz. Dort widmet sie sich dem Thema Impact Investing. Sie ist in einer katholischen Unternehmerfamilie aufgewachsen und ausgebildete Yogalehrerin. Wir haben sie früh als Key-Note Speakerin für die ENVOCONNECT gewinnen können, der Nachhaltigkeitskonferenz, bei der die Hafencommunity zusammenkommt.

Frau ter Braak-Forstinger, Sie kommen aus der Finanzbranche, also einer Branche, die, wie wir alle noch wissen, in den 2000er Jahren an vielen Stellen als systemrelevante Säule nicht ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachgekommen ist. Heute setzen Sie sich dafür ein, dass junge Unternehmer_innen, die durch ihr Geschäft gesellschaftlich etwas verändern wollen, ihre Chance bekommen. Wie kam das?

Ich weiß noch, dass ich 2008 in einer Sinnkrise steckte. Es hat mich frustriert, dass wir in der Finanzbranche Produkte entwickelt haben, die ich selbst als Fachfrau kaum mehr verstanden habe. Ich habe damals neben meinem Job in einer Schweizer Privatbank, privat ein Projekt im Norden von Ghana mitgegründet, das mich immer noch begleitet und das mein Leben zum Besseren verwandelt hat.  Damals habe ich für mich die Entscheidung getroffen, meiner Passion zu folgen, und mit dem was ich kann und wofür ich brenne dazu beizutragen, dass sich in der Welt etwas zum Guten verändert. Denn diese Kraft haben Investoren und Unternehmer auch. Wir haben nur den einen Planeten, auf dem wir gemeinsam leben. Wir müssen erkennen, welche soziale und ökologische Verantwortung wir haben und diese auch wahrnehmen und zeigen welch‘ transformative Lösungen es da draußen bereits gibt, die mithelfen eine regenerative Wirtschaft einzuleiten. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Die Frage kollektiver Verantwortung scheint heute aktueller denn je. Es schließt sich die Frage an, wie wir dieser Verantwortung in Sachen Klima nachgehen…

Wir bei Chi Impact Capital beraten einen Impact Venture Fonds, der in junge, innovative und skalierbare Impact Pioniere in Europa investiert, deren Produkte, im Kerngeschäftsmodell einen positiven Impact für die Umwelt oder die Gesellschaft erzielen, also zum Beispiel im Bereich der Herstellung von zellbasiertem Fleisch. Dieses Unternehmen ersetzt also Fleisch durch echtes Fleisch. Dazu muss keine Kuh mehr getötet werden. Das hat einen enormen positiven, ökologischen Impact, ganz zu schweigen vom Tierwohl.  Solche transformativen Unternehmen mit starker Technologiekomponente und echtem messbaren, positiven Impact werden die Gewinner von morgen sein. Diese Unternehmen lösen Probleme an der Wurzel. Viele Unternehmen sind im Klimabereich tätig, aber nicht nur. Solche Pioniere findet man in verschiedensten Sektoren wie zum Beispiel im Bereich der Kreislaufwirtschaft, des bewussten Konsums oder der Veränderung der Lebensmittelmärkte. Das ist mein Weg, etwas beizutragen und zu verändern.

Wenn wir jetzt auf Logistik und Hafenwirtschaft schauen, was kann denn zum Beispiel ein Mittelständler in der Hafenwirtschaft tun, wenn das Produkt nicht per sé schon Klimagase einspart oder mehr Fairness in der Prozesskette sorgt um nachhaltiger zu werden?

Ich bin keine Logistikexpertin. Aber ich bin von Haus aus Unternehmerin. Veränderung beginnt im Kopf und mit der eigenen Einstellung. Meine Eltern und meine vier Großeltern waren Unternehmer. Ich habe schon von klein auf viel mitbekommen, auch was Verantwortungsbewusstsein für unsere Umwelt angeht. Mein Vater ist ein leidenschaftlicher Fliegenfischer und ich habe viele Nachmittage mit ihm und meiner Schwester am und im Fischwasser verbracht. Die Fische haben wir immer freigelassen gemäß dem ‚catch-&-release‘ Prinzip. Wenn wir Müll oder Plastik am Flussufer gefunden haben, haben wir dies aufgesammelt und mitgenommen. Das hat mich von klein auf gelehrt, Respekt vor der Mutter Natur zu haben und achtsam mit ihr umzugehen.  

Was hilft denn Ihrer Meinung nach dabei, den Weg in Richtung Nachhaltigkeit zu beschreiten?

Von meiner Großmutter, die 97 Jahre alt wurde habe ich gelernt, das Glas immer halb voll und nicht halb leer zu sehen: sie war bis zu ihrem letzten Lebenstag voller Lebensenergie und Zuversicht: Mein Beruf ist meine Erfüllung. Dafür bin ich sehr dankbar. Der Weg dahin war nicht immer einfach oder gradlinig, aber Mut, Resilienz und seiner Intuition zu vertrauen sind wesentliche Faktoren zum Erfolg.

 Nachhaltigkeit

ist ein zentraler

Wettbewerbsfaktor

Wie meinen Sie das?

Naja. Wir können die Augen vor dem Klimawandel und der ungleichen Verteilung von Ressourcen auf diesem Planeten zwar verschließen, aber die Probleme bleiben. Selbst der schönste Branzino schmeckt nicht mehr, wenn er voller Plastikmüll ist. Ich will damit nur sagen, irgendwann und letztlich sind wir alle betroffen und müssen hinschauen und nicht wegschauen. Wenn man sich ansieht, dass in der Schweiz, der Wasserburg Europas im Emmental der Fluss Emme vor wenigen Wochen austrocknet ist und ein Großteil der Fische gestorben ist, treibt mir das ehrlicherweise die Tränen ins Gesicht. Was wir aktuell gerade erleben ist erst der Anfang. Wir sitzen alle im gleichen Boot.

Es lohnt sich, sich darüber Gedanken zu machen, wie man sein Unternehmen nachhaltiger ausrichten kann, denn letztlich ist Nachhaltigkeit ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Ein Pricing  für Ressourcen, die wir bislang auf Kosten unseres Planeten einfach so verbrauchen wird kommen für Unternehmen. Die erfolgreichen Unternehmen helfen mit die Sustainable Development Goals (SDGs) zu erreichen. Unternehmen, die sich damit nicht befassen werden ihre Existenzberechtigung verlieren.

Sie versuchen die Wirtschaft nachhaltiger zu prägen. Welcher persönliche Moment hat denn Ihr Leben besonders geprägt?

Mein erster Job wäre in einer Wall Street Kanzlei in New York gewesen. Die Kanzlei hatte ihre Büros im World Trade Center. Kurz vor September 11 wurde mir dieser Job abgesagt in letzter Sekunde. Ich war am Boden zerstört. Am Tag des Anschlages wurde mir aber klar, dass die Dinge im Universum offenbar auf einer höheren Ebene zusammenhängen.

Einen persönlich sehr eindrücklichen Moment, durfte ich 2010 in Indien erleben als ich in einem kleinen Kreis den Dalai Lama sagen hörte: "Oneness is the source to all happiness". Das hat mich sehr berührt. Meinen Kindern habe ich am Globus gezeigt, wo früher einmal Tibet war. Es ist erschütternd zu sehen, dass Tibet nicht einmal mehr auf der Landkarte eingezeichnet ist. 

Frau ter Braak-Forstinger, Danke für das Gespräch.

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