Die Psychologin und Mit-Initiatorin der Psychologists/Psychotherapists for Future Lea Dohm erklärt, warum wir beim Weg aus der Klimakrise auch einen Wertewandel brauchen, warum sich Veränderung lohnen kann und es auch in der Geschäftswelt an der Zeit ist, Gefühlen Platz einzuräumen. Auf der ENVOCONNECT 2024 ist sie Teil des Panels "Zukunft: Young but not free".

Lea Dohm

ist Dipl.-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin und betreut bei KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. das Themenfeld Mentale Gesundheit. Sie hält Vorträge und publiziert zu den psychischen Folgen der ökologischen Krisen und ihrer gesunden Verarbeitung. Ihre Interessen liegen zudem auf interdisziplinärer Wissenschaftskommunikation, der Initiierung und Etablierung von transformativem Handeln und Generationengerechtigkeit. Sie ist Mit-Initiatorin der Psychologists / Psychotherapists for Future e.V. und Trägerin der Goldenen Ehrennadel des Berufsverbands Deutscher Psycholog:innen (BDP).

Frau Dohm, Sie haben 2019 Ihre Praxis für Psychotherapie verkauft und finanzielle Sicherheit gegen etwas anderes getauscht: Sie haben eine neue Initiative gegründet. Das klingt eher ungewöhnlich.

Das ist richtig. Damals mit den ersten Fridays for Future Demonstrationen habe ich eine Kollegin kennengelernt, die so wie ich der Auffassung war, dass das Klimathema und die damit verbundenen großen Herausforderungen eine wichtige psychologische Dimension haben. Also haben wir die Psychologists/Psychotherapists for Future (Psy4F) initiiert.

Bis zur eigenen Praxis ist es doch schon ein weiter Weg und für viele eher das Ziel als die Zwischenetappe. Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Am Anfang haben mir einige Freunde und Verwandte den Vogel gezeigt, dass ich die Praxis aufgebe. Aber rückblickend betrachtet war es die richtige Entscheidung. Wir haben heute circa 2000 Kolleginnen und Kollegen, die bei den Psy4F aktiv sind. Und ich habe heute das Gefühl, dass ich beruflich damit eine sehr sinnhafte Tätigkeit habe.

Wie muss man dafür aufgestellt sein?

Das hat sicher etwas Mut erfordert, aber auch die Erkenntnis, dass sich etwas ändern muss und ich Verantwortung dafür übernehmen will, den Wandel und nachhaltige Transformation mit zu betreiben.

Wie kann die aussehen, die Transformation, in der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Hafen- und Logistikbranche zum Beispiel?

Das ist vielschichtig. Genau genommen stecken wir in mehreren Transformationen, die zeitgleich ablaufen: Wir brauchen perspektivisch neben der radikalen Reduktion von Emissionen zum Beispiel auch einen grundlegenden Wertewandel und eine Abkehr von der Maxime der individuellen Gewinnmaximierung, hin zu einer Orientierung an der Erhaltung der Lebensgrundlage auf diesem Planeten. Das Ganze beginnt natürlich individuell und dafür ist es zum Beispiel hilfreich, anzuerkennen, dass der Klimawandel und seine Folgen Gefühle in uns auslösen – und dann diese Gefühle ernst zu nehmen und handlungsleitend einzusetzen.

 

Stichwort Gefühl. Wenn wir an Wirtschaft und Unternehmertum als gewinnorientiertes Handeln denken, ist das zunächst mal doch eher eine zahlengetriebene Sache. Wie passt das zusammen mit dem Thema Gefühle?

Viele vor allem auch gerade aus der Generation der Babyboomer sind in einer Arbeitswelt großgeworden, die anders aussah. Die vor allem ganz zentral auf Leistung und Profit ausgerichtet war. In dieser Hinsicht erleben wir aktuell einen großen Wandel, der sich auch darin zeigt, mit welchen Bedürfnissen die jüngere Generation auf die Arbeitswelt blickt. Wir können da viel voneinander lernen und die Grundhaltungen müssen sich nicht immer ausschließen. An der Stelle brauchen wir einfach mehr Ambiguitätstoleranz.

Was heißt das?

Akzeptanz dafür, dass auch verschiedene Entwicklungen, Perspektiven und Werte nebeneinanderstehen können, auch wenn sie zunächst unvereinbar erscheinen mögen. Wir müssen gemeinsam die Aufgaben bewältigen, die vor uns als Gesellschaft liegen. Und an dieser Stelle sind vor allem auch die heutigen Führungskräfte gefragt, bei der konkreten Umsetzung. Sie können ihren Teil dazu beitragen, indem sie sich keiner Initiative für mehr Nachhaltigkeit der Mitarbeitenden in den Weg stellen. Schon an dem Punkt können Führungskräfte dafür sorgen, dass die Mitarbeiter mit Ihren Anliegen sich ernstgenommen fühlen, Selbstwirksamkeit erleben und sich als Fachkräfte auch stärker mit dem Unternehmen verbunden fühlen.

Wie kann man das in die Tat umsetzen?

Immer in der konkreten Arbeitsumgebung. Es gibt in der Transformation den sogenannten Smart-CSO-Ansatz. Darunter versteht man, einfache naheliegende kleinere Projekte oder Schritte erst einmal zu gehen. Dann kann man im praktischen Handeln immer wieder aufs Neue prüfen, ob das sinnvoll war oder ob man es anders oder wirksamer angehen muss.

Auch ist wichtig, dass wir begreifen, dass das Nachhaltigkeitsthema kein grünes Sonderthema ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches, das parteiübergreifend gelöst werden muss. Und es ist wichtig, dass wir zusammenarbeiten. Wir brauchen jede Idee, die es gibt.

Geschäftsbeziehungen und Unternehmenskulturen sind gewachsene Strukturen. Mal ganz ketzerisch: Wenn das Geschäft läuft, warum sollte man etwas verändern. Das bringt Unruhe rein. Außerdem stehen die meisten Menschen Veränderungen gegenüber meist erst einmal skeptisch gegenüber, oder?

Das stimmt. Wir sind Gewohnheitstiere und Veränderung kostet psychische Energie. Auf der anderen Seite wollen wir auch ungern auffallen. Auch das lässt sich nutzen. Wenn Führungskräfte vorausgehen und nachhaltiges Verhalten zur Normalität wird, ziehen die Leute mit. Im Rahmen des Wandels geht es ja nicht nur um die individuellen Konsumentscheidungen als Verbraucher, sondern um die Transformation und Partizipation Mitgestaltung einer ganzen Branche. Dazu braucht es mehrere Dinge: Wir müssen anerkennen, dass der Wandel im Sinne der Zukunftsfähigkeit unausweichlich ist und brauchen Innovation, Investitionen und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Ich habe den Eindruck, dass wir da viel voneinander lernen können.

Worauf freuen Sie sich denn bei der anstehenden ENVOCONNECT 2024?

Ich bin sehr gespannt, auf der Veranstaltung Menschen mit Expertise aus diesem spannenden Hafen- und Logistikbereich kennenzulernen. Ich komme übrigens gebürtig aus Nordenham und kenne daher ein wenig den Habitus und Hafenleute sind mir sehr vertraut. Ich komme also mit ganz viel Sympathie nach Bremerhaven. Und wenn ich bei der ENVO Lust auf Veränderung machen kann, würde ich das als Erfolg sehen.

Danke für das Gespräch.

Lea Dohm an einem Infostand mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern, aufgenommen beim Fachforum Klimakommunikation bei der Woche der Umwelt im Schloss Bellevue, Juni 2024
Lea Dohm mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern, aufgenommen beim Fachforum Klimakommunikation bei der Woche der Umwelt im Schloss Bellevue, Juni 2024. Bild: DBU

KLUG

ist die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit. Sie wurde im Oktober 2017 als Netzwerk von Einzelpersonen, Organisationen und Verbänden aus dem Gesundheitsbereich gegründet. Die Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, über die erheblichen gesundheitlichen Auswirkungen der Klimakrise aufzuklären und die Gesundheitsberufe zu befähigen, Akteur*innen der notwendigen Transformation hin zu einer klimaneutralen Gesellschaft zu werden, in der die Menschen gesund leben können. Dies umfasst auch einen Wandel im Gesundheitswesen selbst: Der ökologische Fußabdruck des Gesundheitssystems muss deutlich gesenkt werden, um die Erderhitzung zu begrenzen und damit die Folgen der Klimakrise abzumildern.

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