Nachhaltigkeit in der Seeschifffahrt
– Soziale Unterstützung der Seeleute 

Insgesamt 1,89 Millionen Seeleute sind weltweit in der Seeschifffahrt beschäftigt. Aufgrund der verbreiteten Billigflaggen-Praxis sind sie nationalstaatlichen Kontrollen häufig weitgehend entzogen und arbeiten unter prekären Arbeitsbedingungen. Obwohl die Nachfrage nach sozialen und umweltbezogenen Mindeststandards im weltweiten Anbau und der Produktion von Waren in den letzten Jahren stark zugenommen hat und mit der Einführung des neuen Lieferkettengesetzes inzwischen auch rechtlich verankert ist, sind die Arbeitsbedingungen auf See noch weitgehend ungeregelt.

Für ihre Verbesserung setzen sich verschiedene Institutionen ein. Wir haben mit drei regionalen Vertreter*innen dieser Organisationen gesprochen und stellen Ihnen in einer dreiteiligen Serie deren Sicht vor.

Das sagt die Seemannsmission

Christine Freytag ist Diakonin der Deutschen Seemannsmission Bremerhaven.

Lesen Sie hier die anderen beiden Teile der Serie:

Interview mit Matthias Ristau

Interview mit Sven Hemme

 

 

Frau Freytag, die deutsche Seemannsmission ist eine evangelische Seelsorge- und Sozialeinrichtung für Seeleute. Es gibt sie in Bremerhaven offiziell seit 1896. Seit 2002 befindet sich der Seemannsclub Welcome an der Nordschleuse in der Nähe des Containerterminals. Was hat sich im Laufe der Zeit verändert?

Die Arbeitsbedingungen in der Seeschifffahrt haben sich in den letzten 125 Jahren grundsätzlich verändert. Früher gab es kaum Arbeitsschutzvorkehrungen an Bord, die Arbeit als Seemann war hochgefährlich. Auch ausreichend Essen wurde damals nicht immer zur Verfügung gestellt.

Heute ist es eher so, dass die Reedereien und damit auch die Mannschaft an Bord einem strikten Regelwerk unterliegen, das u.a. viele Sicherheitsaspekte umfasst. Größtenteils sind die Arbeitsbedingungen nun um einiges besser, allerdings leiden die Seeleute häufig auch unter der starken Reglementierung, da sie u.a. ihre Bewegungsfreiheit einschränkt hat. Getoppt wird diese Entwicklung seit Beginn der Pandemie: die Besatzung leidet z.B. unter dem Wegfall von Landgängen oder unter fehlendem Heimaturlaub, der nicht angetreten werden konnte.

Was ist das Leitbild und ihre Mission?

Ein zentraler Satz, der uns täglich begleitet ist dieser: "Seemannsmission beginnt mit der Entdeckung, dass Menschen an Bord von Schiffen leben und arbeiten." Uns ist es wichtig, den Menschen, mit dem wir es in der Seemannsmission und auf den Schiffen zu tun haben, im Blick zu halten und seine individuellen Bedürfnisse zu sehen. Oft steht gar nicht das Materielle, wie die fehlende Seife oder eine Tafel Schokolade im Vordergrund, sondern das persönliche Gespräch. Heimweh, Trennung von der Familie und Erschöpfung sind zentrale Themen der Seeleute. Auch Vereinsamung kann eine Rolle spielen, weil man in Schichten arbeitet und die anderen kaum sieht.

„Seemannsmission ist insbesondere Seelsorge.“ – so steht es in unserer Mission. Wir gehen auf die Seeleute zu und bieten individuelle Unterstützung und Beratung an, ganz gleich ob es um persönliche Dinge oder auch um Probleme mit den Reedern geht, wie z.B. die Einhaltung ihrer Rechte oder eine adäquate Bezahlung.

Wie setzen Sie sich für die Arbeitsbedingungen der Seeleute ein? Was kann man von Bremerhaven aus alles erreichen?

Oftmals fungieren wir hier vor Ort als eine Art Sprachrohr. Viele Arbeitskonditionen sind über das geltende Recht der Maritime Labour Convention (MLC) oder über Gewerkschaften geregelt. Sie sind z.B. die richtigen Ansprechpartner bei allen Fragen zum Arbeitsrecht. Die Hürde, Kontakt zu Gewerkschaften oder den Reedereivertretern aufzunehmen, ist für manche Besatzungsmitglieder jedoch gefühlt sehr hoch. Oftmals erfahren die Mitarbeitenden der Seemannmission im persönlichen Gespräch von bestehenden Schwierigkeiten und versuchen dann zu unterstützen. Bei privaten und/oder dienstlichen Angelegenheiten kann auf ein breites gemeinsames Netzwerk mit ITF-Vertretern, dem hafenärztlichen Dienst und der BG Verkehr zurückgegriffen werden. Gemeinsam mit diesem Netzwerk lassen sich dann oft Probleme lösen, die die Arbeitsbedingungen zwar nicht grundsätzlich verbessern, aber im Einzelfall helfen. Häufig geht es dabei vor allem um Aufklärung der geltenden Rechte und die Aktivierung von Netzwerken.

Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht der ideale Hafen/die ideale Arbeitswelt der Zukunft aus? Was muss sich ändern?

Für die Seemannsmission steht der Mensch im Fokus unserer Arbeit. Da ist es wichtig, dass es jedem einzelnen Besatzungsmitglied gut geht und er sich auf dem Schiff zu Hause fühlt. Oftmals sind es die kleinen Dinge, die dem Leben wieder mehr Qualität geben. Und diese elementaren Bedürfnisse müssen gesehen werden. Die Reedereien sind als Arbeitgeber in der Verantwortung, sich ihrer Mitarbeitenden anzunehmen. Ein Mensch muss nicht nur arbeiten. Er hat ein Recht auf Essen und Trinken, auf Landgänge und eine angemessene Selbstfürsorge. Dazu zählen neben der Unterkunft zum Beispiel auch, je nach Größe des Schiffs, Sport-, Erholungs- oder Rückzugsmöglichkeiten. Die neueren Schiffe sind da generell schon besser aufgestellt. Es wäre wertvoll, auch die alten nach und nach aufzurüsten.

Je nach Herkunftsland der Besatzung und der Reederei ist es möglich, kürzere Fahr- und Pausenintervalle einzuhalten. Mit einem Vertragsturnus von 4 Wochen ist es beispielsweise skandinavischen Seeleuten oft möglich, Arbeit und Freizeit in Balance zu halten. Besatzungsmitglieder aus südostasiatischen Ländern sind, je nach Rang, mit Vertragslängen zwischen 6 – 9 Monaten auf den Schiffen. Wir sehen, dass diese Vertragslängen die Belastungsgrenze der Menschen oft übersteigt. Das Bedürfnis nach Erholung kann in einer 7-Tage Woche nicht 9 Monate aufgespart werden.

Wünschenswert wäre es, wenn Reedereien die Vertragslaufzeiten anpassen und dem Bordpersonal häufiger Landgänge möglich machen würden. Dann wäre schon viel erreicht.