Ankerplatz für die Seele
Wohlstand und Wachstum begründen sich heute auf einer funktionierenden Weltwirtschaft, die ohne die Besatzungen an Bord nicht denkbar wäre. Und diese Seeleute haben einen harten Job: monatelang auf See, schwere körperliche Arbeit, zusammen mit den immer gleichen Menschen auf engstem Raum. Kaum Kontakt zur Außenwelt. Da ist es gut, dass es die Seemannsmissionen gibt, die sich um ihr Wohl kümmern.
In den Bremischen Häfen sind das die katholische Stella Maris, die Deutsche Seemannsmission Bremerhaven und die Bremer Seemannsmission – mit 172 Jahren die älteste in Deutschland. Wie die 14 weiteren Inlandstationen sind die Seemannsmissionen in Bremen und Bremerhaven eigenständige Vereine. Der Dachverband Deutsche Seemannsmission mit Sitz in Hamburg koordiniert die Arbeit von 17 Auslandsstationen.
Für den ehrenwerten Stand der Seeleute
Es war der Bremer Kaufmann und Reeder Johann Carl Vietor, der 1854 das erste Seemannsheim stiftete, das direkt im Stephanieviertel gelegen war. Entstanden aus der christlich-sozialen Bewegung Mitte des 19. Jahrhunderts war es von Beginn an Ziel, vor allem Matrosen und Schiffsjungen gut zu betreuen und zu versorgen, während sie an Land sind – und sie davor zu bewahren, ihre hart verdiente Heuer bei fragwürdigen Vergnügungen zu vergeuden. Heute steht bei der Bremer Seemannsmission der psychosoziale Support im Vordergrund. Der Leitsatz: „Support of Seafarers‘ Dignity“.
Unter der Leitung von Seemanns-Diakon Magnus Deppe besuchen rund 30 Ehrenamtliche die Besatzungen sämtlicher Schiffe, die in den Häfen in Bremen-Stadt anlegen, während Michael Klee und Natapad Deppe sich um den Seamen‘s Club kümmern.
Die kurze Flucht aus dem „Gefängnis“
Der Club, das Pendant zum früheren Seemannsheim, ist im Lichthaus in Gröpelingen untergebracht, dem ehemaligen AG Weser-Gebäude. Notwendig wurde der Umzug vor rund acht Jahren. Zum alten Standort gehörte ein Hotelbetrieb mit 50 Betten, der finanziell nicht mehr tragbar war. Langes Warten auf die Schiffe gibt es heute nicht mehr, so war der Bedarf zu gering, um den Betrieb weiter zu rechtfertigen. „Wir hatten in den Jahren vor dem Umzug wöchentlich nur etwa fünf Seeleute zur Übernachtung, und das Finanzamt hat uns nur 40 Prozent der Kapazität freigegeben, um sie auf dem freien Markt anzubieten“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Uwe Will.
Das Lichthaus liegt gegenüber dem Einkaufszentrum Waterfront und ist gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden. „Für die Seeleute ist das super, hier nach Wochen auf See endlich mal wieder am normalen Leben teilzuhaben – ‚out of the prison for a few hours‘, wie sie selbst gern sagen“, sagt Magnus Deppe. Der Club hat einen gemütlichen Wohnzimmercharakter. „Das ist, was wir sein wollen – ein Zuhause in der Fremde.“ Die alten Kirchenfenster, die aus der Kapelle im Stephanieviertel mit umgezogen sind, schaffen ein besonderes Licht. Es gibt einen Billard-Tisch, Musik, Bücher und die Gelegenheit zum Austausch. An der Bar versorgt Michael Klee die Gäste mit Getränken und Snacks – Spirituosen werden nicht ausgeschenkt. Außerdem können die Seeleute über WLAN ihre Lieben kontaktieren, das hilft gegen Heimweh. Die Satellitenverbindung an Bord ist einfach zu teuer.
Ein hoher Preis
Meist finanzieren sie mit ihrem Job an Bord das Leben ihrer Angehörigen zuhause. In der Folge bekommen sie das Leben ihrer Familien kaum mit. „Sie zahlen also einen hohen Preis“, sagt Deppe. „Und die Erlebnisse auf See sind nicht gerade ein Vergnügen heutzutage, wenn man mal ans Rote Meer denkt, oder wenn das Schiff in russische oder ukrainische Gewässer einfahren muss. Auch Piraterie gibt es heute noch viel, auch wenn das nicht so sehr durch die Medien geht.“ Oder es stößt in der Nacht ein Flüchtlingsboot gegen das Schiff und es sind Kinderschreie zu hören. Eine schwierige Situation.
Anders als in Bremerhaven bleiben die Schiffe in Bremen bis zu 10 Tage. „Wir haben so den Vorteil, dass wir den Seeleuten über diese Zeit in verschiedenen Situationen begegnen können“, so Deppe. „Unsere ehrenamtlichen Schiffsbesucher fahren jeden Morgen zu zweit raus, fragen, ob alles okay ist, bringen eine Tageszeitung mit oder eine SIM-Karte, trinken einen Kaffee an Bord.“ Und sie informieren die Besatzung über den Club, den kostenlosen Shuttle aus den verschiedenen Hafengebieten und zurück und laden sie ein, vorbeizukommen. Das Team macht zudem Krankenhausbesuche oder hilft beim Einkaufen. „Geldwechsel bieten wir auch, viele kommen mit US-Dollars hier an“, so Deppe. Manchmal werden Pakete für die Seeleute im Club angenommen, die die Ehrenamtlichen mit in den Hafen nehmen.
Hilfe bei kleinen und großen Sorgen
Die seelsorgerischen Aufgaben der Seemannsmission reichen von der Begleitung eines Krankenhausaufenthalts über die Betreuung nach einem Unfall an Bord bis hin zu Gesprächen über die Situation zuhause. „Wir haben zum Beispiel gelegentlich einen ukrainischen Seefahrer hier. Bei einem Besuch zeigte er uns stolz das Bild seines selbstgebauten neuen Hauses. Beim nächsten Mal konnte er nur noch das Bild eines Trümmerfelds zeigen“, erinnert sich Deppe.
Die Notfallseelsorge der Seemannsmission unterscheidet sich von der im Leben an Land. „Während an Land in kürzester Zeit ein Seelsorger vor Ort ist, dauert es an Bord schlimmstenfalls Wochen, bis jemand Beistand leisten kann. Und der muss je nach Nationalität anders ausfallen – die Sprache ist anders, der generelle Umgang mit Tod ist bei vielen anders“, erklärt Deppe.
Bremische Solidarität
In der Weihnachtszeit werden rund 1.000 Geschenktüten an die Besatzungen verteilt. Außerdem bekommt fast jedes Schiff einen Tannenbaum. Um das darstellen zu können, ist die Unterstützung der Händler in der Nähe gefragt. Meist gelingt es Magnus Deppe, sie dazu zu bewegen. Zwei, drei Mal im Jahr kommen die „Strick-Omas“, wie sie in der Seemannsmission liebevoll genannt werden, und bringen Schals und Mützen. Manchmal helfen sie beim Befüllen der Weihnachtstüten. „Wir haben hier in Bremen viele Gruppen und Einzelpersonen, die uns immer wieder unterstützen und die Arbeit der Seeleute ebenso wie unsere Arbeit sehr wertschätzen“, sagt Magnus Deppe.
Doch auch Geld wird gebraucht. „Mit zwei Spendenbriefen im Jahr versuchen wir, Einzelpersonen zu einer Spende zu bewegen – neben dem, was Unternehmen an Unterstützung leisten und dem, was wir über die freiwilligen Schiffsabgaben bekommen, die bremenports über die Hafengebühren hinaus berechnet. Die Quote an Unternehmen, die diese Abgabe zahlen, ist hoch“, berichtet der zweite Vorstandsvorsitzende Michael Skiba. Darüber hinaus bekommt die Seemannsmission einen Zuschuss von der BG Verkehr und wird von der evangelischen Kirche unterstützt. „Außerdem gibt es besonders hier in Bremen immer mal wieder Privatpersonen, die größere Beträge stiften“, so Skiba.
Kein Wohlstand ohne Seeleute
„Das ist toll“, sagt Deppe. Aber er weiß auch, dass die Zuschüsse von der Kirche wegen der Entwicklung der Mitgliederzahlen deutlich zurückgehen werden. Außerdem werden die Zahlungen vom Bund auf mehr Organisationen verteilt werden, so dass auch diese Beträge sinken. „Wir finanzieren uns ausnahmslos aus Spenden und Zuschüssen, auf der anderen Seite haben wir Kostenblöcke wie die monatliche Miete zu decken“, sagt Skiba. „Die Beträge der Zuschüsse sind immer gleich – bei steigenden Kosten für z. B. Benzin, Energie oder Lebensmittel. Da ist es nicht ganz einfach, über das Jahr zu kommen.“
„Wir müssen mehr und jüngere Spender finden, die regelmäßig Beiträge leisten“, sagt Magnus Deppe. „Wir haben unseren Wohlstand den Seeleuten zu verdanken, unsere Wirtschaft funktioniert so nur, weil es sie gibt. Wir sollten nicht nur auf die vollen Regale im Supermarkt gucken, sondern uns auch bewusst machen, wer die Waren eigentlich hergebracht hat.“
Zusammenfassung: Seemannsmission Bremen – Ein Ankerplatz für Seeleute und die maritime Wirtschaft
Ohne Seeleute kein Welthandel: Sie bringen Waren über die Ozeane und sichern damit die Versorgung und den Wohlstand moderner Gesellschaften. Doch ihr Einsatz hat seinen Preis – monatelange Trennung von Familie und Freunden, harte Arbeit an Bord und die Einsamkeit des Lebens auf See.
Die Seemannsmission Bremen und die Seemannsmission Bremerhaven stehen diesen Menschen zur Seite. Mit Schiffsbesuchen, dem Seamen’s Club im Lichthaus, seelsorgerischer Begleitung und praktischer Hilfe bieten sie Seeleuten einen Ort der Begegnung, Unterstützung und Geborgenheit – ein Zuhause auf Zeit fern der Heimat.
Ob bei Heimweh, nach Unfällen oder in persönlichen Krisen: Die Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen helfen dort, wo Unterstützung gebraucht wird. Damit leisten die Seemannsmissionen nicht nur einen wichtigen sozialen Beitrag, sondern stärken auch die maritime Wirtschaft, die auf das Engagement der Seeleute angewiesen ist.
Weitere Artikel aus unserem Magazin, die Sie interessieren könnten: