Fünf Jahre Transformation hinterlassen neben Ergebnissen auch Erkenntnisse
Transformation klingt nach Roadmap, Meilensteinen und klaren Zielen. In der Praxis sieht es meist anders aus: Rahmenbedingungen verändern sich, Erwartungen steigen, Entscheidungen erweisen sich als schwieriger als gedacht. Was hat funktioniert? Wo lagen wir falsch? Und vor allem: Was würden wir heute anders machen?
In dem Panel „Was würden wir heute anders entscheiden als vor fünf Jahren?“ diskutieren John Erik Toft, Denis Nukić, Staatsrat Kai Stührenberg und Søren David auf der ENVOCONNECT 2026 über Erfahrungen, Fehlannahmen und die Frage, was bei der nachhaltigen Transformation von Hafen, Logistik und Industrie tatsächlich funktioniert und was nicht.
Denn fünf Jahre Transformation hinterlassen neben Ergebnissen auch Erkenntnisse. Manche Pläne haben sich bewährt, andere mussten angepasst werden. Und manchmal zeigt sich erst in der Umsetzung, wo die eigentlichen Herausforderungen liegen.
Søren David
Søren David ist Senior Engineer bei ITT Port Consult und engagiert sich im Fachforum Nachhaltigkeit der Hafentechnischen Gesellschaft. Als Diplom-Ingenieur im Bauingenieurwesen verfügt er über langjährige Erfahrung in Wasserbau und Hafeninfrastruktur und beschäftigt sich heute intensiv mit Nachhaltigkeitsthemen der Branche.
Sören David: Nicht länger auf die eine Entscheidung warten
Einige der Panelteilnehmenden geben bereits vor der Veranstaltung einen Einblick in ihre Gedanken. Søren David, Senior Engineer bei ITT Port Consult und Vertreter der Hafentechnischen Gesellschaft im Fachforum Nachhaltigkeit, blickt dabei auf die Frage, was aus den vergangenen Jahren gelernt werden kann. Sein Beispiel: ein HTG-Workshop zur gemeinsamen CO₂-Bilanzierung von Wasserbaumaßnahmen. Unterschiedliche Akteure mussten dabei zunächst eine gemeinsame Grundlage finden.
Für David zeigt sich daran exemplarisch, worauf es bei Transformation ankommt: nicht auf die perfekte Lösung, sondern auf den gemeinsamen nächsten Schritt.
Wenn Sie die ENVOCONNECT in einem Satz beschreiben müssten: Wie würden Sie jemanden überzeugen, erstmals teilzunehmen?
Der Spirit der ENVOCONNECT macht Hoffnung und gibt das gute Gefühl, mit dem Wunsch nach einer nachhaltigen Hafenwirtschaft nicht allein zu sein. Ich habe dort weniger Zweifelnde als vielmehr Suchende getroffen. Menschen, die offen sind, Fragen stellen und gemeinsam nach Lösungen suchen.
Worüber werden Sie auf der ENVOCONNECT sprechen?
Auf der ENVOCONNECT sprechen ich über meine Erfahrungen aus dem HTG-Workshop zur Frage, wie ein gemeinsames Commitment zur CO₂-Bilanzierung von Wasserbau-Maßnahmen aussehen kann. Dafür brachten wir unterschiedliche Stakeholder zusammen und suchten nach einer gemeinsamen Basis für CO₂- und Ökobilanzierungen.
Ich bin davon überzeugt, dass Klimaschutz längst ein Wirtschaftsfaktor für die maritime Wirtschaft und Logistik ist und das auf vielen Ebenen. Deshalb sollten wir nicht auf Vorgaben warten, sondern selbst ins Handeln kommen. Keep it simple, aber fangt an.
Wenn Sie heute eine Entscheidung treffen müssten, die die Branche in zehn Jahren beeinflusst: Welche wäre das – und warum?
Wir haben in den vergangenen Jahren schon viele Entscheidungen getroffen. Nun ist es an der Zeit in die Umsetzung zu gehen. Denn ich glaube nicht an die eine Entscheidung, die unsere Branche in zehn Jahren verändert.
Kai Stührenberg: Resilienz entscheidet sich heute
Eine andere Perspektive bringt Staatsrat Kai Stührenberg, Staatsrat für Häfen bei der Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation Bremen, in die Diskussion ein. Für ihn geht es bei der Transformation der Häfen längst nicht mehr ausschließlich um Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit. Die wachsende Komplexität der Welt stellt auch neue Anforderungen an die Funktionsfähigkeit und Resilienz der Hafenstandorte.
Dabei rückt für Stührenberg insbesondere die Energieversorgung in den Fokus. Welche Entscheidungen heute getroffen werden, bestimmt mit, wie widerstandsfähig die Häfen morgen aufgestellt sind.
Welche zentrale Erkenntnis oder Botschaft möchten Sie den Teilnehmenden mitgeben?
Die Welt ist komplexer geworden und damit auch die Anforderungen an unsere Seehäfen. Sie müssen heute vielfältige zivile und sicherheitsrelevante Dienstleistungen gleichzeitig erbringen und dabei auch im Ernstfall funktionsfähig bleiben.
Resilienz heißt für mich deshalb auch, die energetische Eigenversorgung zu stärken. Wie wir unsere Häfen resilienter machen, entscheiden wir jetzt und diesen Weg möchte ich aktiv mitgestalten.
Ihr persönlicher Aufruf an die Teilnehmenden der ENVOCONNECT in einem Satz?
Bringen Sie sich aktiv in die Transformation ein, denn Ihre Kompetenz ist das größte Potenzial, das wir haben.
Wenn Sie heute eine Entscheidung treffen müssten, die die Branche in zehn Jahren beeinflusst: Welche wäre das – und warum?
Mir ist es ein persönliches Anliegen, dass unsere Häfen in zehn Jahren klimaneutral arbeiten. Dafür brauchen wir mehr Windenergie in den Hafengebieten, konsequenten Einsatz von Landstrom und eine Automatisierung der Containerterminals, die die Menschen mitnimmt.
Vor allem aber brauchen wir den Mut, die entscheidenden Schritte schon heute zu gehen.
Kai Stührenberg
Kai Stührenberg ist seit Juli 2023 Staatsrat für Häfen bei der Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation Bremen. Zuvor war der studierte Betriebswirt als Staatsrat für Arbeit und Europa sowie als Pressesprecher der Wirtschaftsressorts tätig. Er verfügt über langjährige Führungserfahrung in Wirtschaft und Verwaltung.
Denis Nukić
Denis Nukić ist National Sustainability Manager bei Kuehne+Nagel. Als „Mittelfeldmotor“ verbindet er Nachhaltigkeitsstrategie, Kundenperspektiven und Umsetzung. Mit seinem Hintergrund in Wirtschaftspsychologie und seiner Erfahrung als Fußballer steht für ihn fest: Nachhaltige Erfolge entstehen im Team.
Denis Nukić: Ein Blick auf die Roadmap und das Spiel auf dem Platz
Auch Denis Nukić, seit rund eineinhalb Jahren Sustainability Manager bei Kuehne+Nagel, teilt seine ganz persönliche Sichtweise: Er betrachtet Nachhaltigkeit konsequent durch die Brille des Teamsports. Als „Mittelfeldmotor“ versteht er sich als verbindendes Element zwischen Strategie, operativer Umsetzung und den Anforderungen der Kunden. Für ihn ist die Transformation vor allem ein klassisches Zusammenspiel, bei dem stabile Abwehrarbeit genauso zählt wie der Mut zur Offensive und die Fähigkeit, unterschiedliche Akteure gemeinsam in Bewegung zu bringen.
Worüber werden Sie auf der ENVOCONNECT sprechen?
Seit 1,5 Jahren bekleide ich die Rolle des Sustainability Managers bei Kuehne+Nagel. Ich habe mich dieser neuen Aufgabe sportlich angenommen. Auf dem Fußballplatz war ich stets als Stabilisator in der Abwehr oder als Mittelfeldmotor im Einsatz. Der Begriff des “Mittelfeldmotors” passt als Analogie zu Kuehne+Nagel sehr gut, da wir als Logistikdienstleister ein verbindendes Element im Netzwerk sind.
ESG und Sustainability sind zentrale Eckpfeiler unserer Roadmap 2026 und unserer Vision 2030. Gemeinsam mit unseren Kunden arbeiten wir daran, Emissionen transparent zu machen, nachhaltige Transportlösungen zu skalieren und Dekarbonisierung praktisch umsetzbar zu gestalten. Dabei erleben wir täglich die Herausforderung, ambitionierte Klimaziele mit den Anforderungen globaler Lieferketten in Einklang zu bringen. Neben dem Panel werde ich einen Vortrag halten – wahrscheinlich mit dem Titel: “Meine erste Saison in grün und wie das Spiel weitergeht”. Ich ziehe anhand meiner bisherigen Erfahrungen eine ehrliche “Halbzeitanalyse”. Kurz gesagt: Wir schauen darauf, was auf dem Platz schon funktioniert und wo wir – und auch ich persönlich – uns für die weitere Spielzeit noch steigern können.
Ihr persönlicher Aufruf an die Teilnehmenden in einem Satz?
Passend zum Veranstaltungsmotto “Transformation needs commitment” lautet mein Aufruf: “Lasst uns den Mut derer würdigen, die bereits investieren, gemeinsam akzeptieren, dass Nachhaltigkeit ein großer Umbau ist und Geld kostet, und die Transformation mit Ausdauer, Pragmatismus und echter Zusammenarbeit voranbringen – indem wir unser Bestes geben.”
Vervollständigen Sie den Satz: Die Zukunft der Hafen- und Logistikbranche ist …
… ein klassischer Teamsport, bei dem die Hafen- und Logistikbranche das starke Rückgrat der deutschen Wirtschaft bildet – denn wie auf dem Platz gewinnt die Offensive vielleicht einzelne Spiele, aber eine solide Abwehr gewinnt Meisterschaften. Deshalb verdient diese Basisarbeit, die unsere Wirtschaft am Laufen hält, deutlich mehr Sichtbarkeit und Wertschätzung.
Vom Rückblick zum nächsten Schritt
Was die drei Perspektiven verbindet: Transformation lässt sich nicht allein über Ziele und Strategiepapiere steuern. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, unterschiedliche Interessen zusammenbringen und bereit sind, aus Erfahrungen zu lernen.
Genau deshalb richtet das Panel den Blick bewusst zurück. Was würden wir heute anders entscheiden als vor fünf Jahren? Die Frage ist nicht als Abrechnung mit vergangenen Entscheidungen gedacht. Sie schafft vielmehr Raum für einen ehrlichen Realitätscheck: Was hat sich bewährt? Welche Annahmen mussten wir korrigieren? Und welche Erfahrungen helfen uns dabei, die nächsten Schritte besser zu machen?
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