Navigation überspringen
Drei Teilnehmende aus dem Publikum im Fokus

Wie Transformation in Zeiten von Krisen gelingt

Mut, Miteinander, Motivation

Im Spannungsfeld von Krisen und Kostendruck rückt die nachhaltige Transformation in den Hintergrund – schließlich hat man andere Sorgen. Doch Nachhaltigkeit ist kein Trend. Sie ist eine Notwendigkeit, um auch morgen noch am Markt bestehen zu können. Transformation gelingt denjenigen, die sie gemeinsam angehen, Verantwortung übernehmen und den Mut haben, trotzdem Entscheidungen zu treffen und einfach mal zu machen. Die ENVOCONNECT Ende September in Bremen ist ein Forum, auf dem die gesamte Port Community diskutiert, wie es weitergehen kann. Drei Speakerinnen und Speaker mit unterschiedlichen Schwerpunkten geben vorab einen Einblick.

Portrait von Şükran Gencay
Şükran Gencay, Global Head of Sustainability - Social & Governance bei Hellmann Worldwide Logistics. FOTO: Hellmann)

Wir dürfen nicht müde werden zu erklären, was wir machen und warum das wichtig ist

Şükran Gencay ist seit sechs Jahren bei Hellmann und seit zweieinhalb Jahren global vor allem für die soziale Dimension der Nachhaltigkeit verantwortlich. Während sie sich schwerpunktmäßig um die Menschen kümmert, treibt ihr Kollege Daniel Hüllemeyer die ökologischen Nachhaltigkeitsthemen voran. Mit Stefan Borggreve wird das Thema außerdem im Vorstand repräsentiert. Um alle Kolleginnen und Kollegen im Unternehmen die Relevanz und Bandbreite von Gencays Aufgaben erlebbar zu machen, ist die Kommunikation eine zentrale Aufgabe: „Wir dürfen nicht müde werden zu erklären, was wir machen und warum das wichtig ist. Mir liegen diese Themen am Herzen. Das merken die Menschen und gehen das auch mit“, erklärt sie. Sie ist überzeugt, dass es mit Zwang oder Druck nicht funktioniert.

Nachhaltig zu wirtschaften, bedeutet schon per Definition, dass die drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales in einem ausgewogenen Verhältnis zueinanderstehen müssen - und so ist es auch bei Hellmann. Gencays Schwerpunkte liegen in den Bereichen Unternehmenskultur sowie Vielfalt, Inklusion und Chancengleichheit. Die Transformation sieht sie als Investition in die Zukunft. „Wenn wir heute kein Unternehmen schaffen, in dem sich Menschen mit verschiedensten Hintergründen wohlfühlen, dann wird das Morgen mit einem großen Fragezeichen behaftet sein.“ 

Vom Studierenden bis zum CEO

Gencay merkt in ihrem Umfeld, dass es den Menschen wichtig ist, wofür ihr Arbeitgeber steht. „Wir schaffen eine Unternehmenskultur mit Werten, auf die sich jeder verlassen kann. Das gibt Halt und sorgt für ein starkes Miteinander“, erklärt sie. Um das zu erreichen, wird in verschiedenen Veranstaltungsformaten digital und in Präsenz viel über das gemeinsame Verständnis gesprochen. „Und daran sollen sich vom Studenten bis zum CEO alle orientieren, das ist eine beiderseitige Erwartungshaltung.“

Diversität bedeutet für Gencay das Vorhandensein vielfältiger Perspektiven, und das ist wichtig für den Unternehmenserfolg. „Die Probleme sind komplexer als früher“, erklärt sie. „Um sie zu lösen, muss ich sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten können.“ Dort kommt die Chancengleichheit ins Spiel, denn wenn sehr unterschiedliche Menschen an einen Tisch kommen, braucht es einen Rahmen, innerhalb dessen jeder sich auf seine Art und Weise einbringen kann. „Daran arbeiten wir intensiv“, sagt Gencay. Außerdem kämpft sie gegen bestimmte Biases – Denkmuster, die dazu führen, dass Menschen oder Situationen sofort in Schubladen gepackt werden. 

Im Kleinen ist schon vieles möglich

Ein Fokus liegt derzeit auf Female Empowerment. Im globalen Programm HerSpace kommen einmal im Quartal rund 600 Frauen digital zusammen. „Wir motivieren die Frauen an den Standorten außerdem, sich auch mal persönlich zu treffen, um sich zum Beispiel beim Lunch auszutauschen“, berichtet Gencay.

„Ich glaube, dass wir bereits viel geschafft haben“, sagt Gencay. Sie weiß, dass sie nicht alle mitnehmen kann. Besser ist es, mit denen zu starten, die offen dafür und intrinsisch motiviert sind. Das ist einer der Tipps, die sie auch ihrem Publikum bei der ENVOCONNECT mitgeben will. Mit eigenen Beispielen möchte sie außerdem dazu inspirieren, Veränderungen einfach mal anzustoßen. „Viele Dinge sind schon im Kleinen möglich. Man muss es eben nur machen.“
 

Şükran Gencay im Gespräch
Eine Gruppe fröhlicher Frauen beim Female Leadership Meetup
Female Leadership Meetup: Einer der Schwerpunkte von Gencays Arbeit liegt derzeit auf Female Empowerment. Dazu zählen Formate wie der Female Leadershio Meetup. FOTO: Hellmann

Herausfinden, was wirklich gebraucht wird

Kay Simon ist seit 2023 freiberuflicher Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Strategie, Supply Chain Management und Nachhaltigkeit. Zuvor war er in Logistik und Industrie tätig.  Er beobachtet, dass das Thema Nachhaltigkeit auf der Agenda vieler Unternehmen immer weiter nach hinten rutscht. „Das Ziel meiner Beratung ist es, gemeinsam mit den Unternehmen ihre Zukunft proaktiv zu gestalten. Dafür steht #createyourfuture. Dabei ist Nachhaltigkeit immer ein Baustein. Wichtig ist mir aber, dass auch die Wirtschaftlichkeit ein Bestandteil ist“, erklärt Simon. Nachhaltigkeit kann auch schlicht bedeuten, das Unternehmen sicher am Markt zu halten. „Die große Herausforderung ist es, herauszufinden, was das Unternehmen wirklich braucht.“

Bei einer Transformation sollten alle mit an Bord sein, der Aufsichtsrat, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Kunden, findet Simon. „Es muss aber auch die Situation berücksichtigt werden.“ Oft genug begegnet er in seinen Projekten Menschen, die sich sehr für ökologische Nachhaltigkeit engagieren, aber kaum einen Bezug zur wirtschaftlichen Situation des Unternehmens herstellen. „Da stehen tolle Projekte im Raum, die schließlich kostenmäßig nicht darstellbar sind. Besser ist es, mit kleinen Schritten anzufangen, da kann man schon sehr viel erreichen“, sagt Simon.
 

Kleine Schritte, überzeugende Wirkung

Zum Beispiel mit der Auswahl der richtigen Lkws, einer vernünftigen Tourenplanung oder durch gezielte Konsolidierung. Es muss nicht immer der vollelektrische Antrieb sein, auch HVO kann einiges einsparen. „Das Schöne an diesen Maßnahmen ist: Die Wirkung geht direkt in die Bilanz ein. Nicht nur in die CO2-Bilanz, sondern auch in die Kostenbilanz“, so Simon. Die richtige Strategie ist auch vom Use-Case abhängig. „Schaut man auf die Bremischen Häfen, ist beispielsweise der Hinterlandverkehr etwas, das man unter die Lupe nehmen kann. Wenn ich einen vernünftigen Industriestrompreis habe, und eine Ladeinfrastruktur, kann sich die Investition in E-Lkw gut amortisieren.“

Gerade in der Logistik gibt es aus seiner Sicht immer weniger First Mover in Sachen Nachhaltigkeit – auch, weil selbst die Verlader in immer tieferen Krisen stecken. Zum Beispiel durch hohe Energiekosten, oder neue Strafzölle der USA. „Meine feste Überzeugung ist, wir müssen etwas für Nachhaltigkeit tun, gemeinsam – wir sind nur schon viel zu spät dran“, sagt Simon. 

Das Begonnene weiterführen

Dass politische Entwicklungen die gemeinsamen Bemühungen der vergangenen Jahre zumindest teilweise wieder zurückdrehen könnten, darin sieht Simon eine der größten Gefahren. „Auch wenn jeder Markt anders ist, müssen wir uns gemeinsam darum kümmern und dranbleiben.“ Das geht vom eigenen Unternehmen über die Ebene des Bundes und die europäische Ebene – wo statt Papiertigern zielführende, verlässliche Vorgaben entwickelt werden sollten – bis hin zur internationalen Zusammenarbeit, wie bei den Nachhaltigkeitszielen der UN. „Wir sollten das weiterführen, was wir schon begonnen haben“, betont Simon.

Portrait Kay Simon
Mit #createyourfuture ist Kay Simon freiberuflicher Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Strategie, Supply Chain Management und Nachhaltigkeit. FOTO: Kay Simon

Eine Frage der Perspektive

John Erik Toft begleitet als Gründer und Geschäftsführer von TheKnot Recycling Consulting Unternehmen, Kommunen und Organisationen bei der Entwicklung zirkulärer Wertschöpfungssysteme und nachhaltiger Geschäftsmodelle. Außerdem treibt er als Geschäftsführer der PHENOGY die Entwicklung nachhaltiger Batteriesysteme und innovativer Kreislauflösungen voran. Toft ist Däne, lebt seit Jahrzehnten in Deutschland und Asien und ist entsprechend viel unterwegs. Sein Fokus liegt auf der Frage, wie nachhaltige Transformation nicht nur geplant, sondern unter realen Bedingungen erfolgreich umgesetzt werden kann.

Aus seiner Sicht wird Nachhaltigkeit in Europa, aber auch in anderen Ländern aus einer falschen Perspektive betrachtet: nicht als Chance, sondern als Problem, das bewältigt werden muss – wenn man es sich leisten kann. „Nachhaltigkeit hat aber immer den Dreiklang People, Planet, Profit“, sagt Toft. „In Asien weiß man, wenn ich heute nicht in Nachhaltigkeit investiere, dann werde ich morgen nicht überleben können.“ Nachhaltigkeit bedeutet außerdem, sich um seine Belegschaft zu kümmern. Eine Abteilung müsse aufgerüstet werden, wenn sie überlastet sei, und dürfe nicht nur als Kostenstelle gesehen werden. „Die Menschen werden gebraucht. Kümmern wir uns um die Unternehmensbereiche nicht ganzheitlich, kommen wir nicht voran“. 
 

John E. Toft im TV-Interview bei der ASEAN Conference

Irres Potenzial an Möglichkeiten

Der richtige Ansatz ist es laut Toft, Nachhaltigkeit als Prozess zu verstehen, als einen Bestandteil, der in bestehende Abläufe integriert wird. Das müsse nicht mit hohen Kosten verbunden sein, sondern eröffne ein „irres Potenzial an Möglichkeiten“. Es kann eine zu 100 Prozent kreislauffähige Palette sein, die aufgrund ihres geringen Gewichts große Mengen an Treibstoff einspart, keine Begasung benötigt und an vielen Orten der Welt vollständig recycelt und wieder zu einer Palette verarbeitet werden kann. Oder alternative Kühlmittel wie PCM, die in der Kühllogistik hunderte Male eingesetzt werden können – zu den gleichen Kosten wie Trockeneis, von dem aber bereits bei der Anlieferung 15 bis 20 Prozent abgegast sind.

„Um die Möglichkeiten zu nutzen, müssen wir diskutieren, uns auseinandersetzen und verstehen, welche Prozesse es gibt und welche davon so umgestaltet werden können, dass sie nachhaltiger sind“, erklärt er. Ein eindrucksvolles Beispiel ist für ihn Verständnis und Optimierung von Energienutzung und Stromkreisen. Vieles wird mit Strom versorgt, den es gar nicht durchgängig braucht – und der oft auch nicht grün ist. „Aber wir alle haben es in der Hand, das zu ändern. Unsere Geschäftspartner bei der FLEXALITY haben das gerade mit ihrer Software bei einem Lebensmittelproduzenten gemacht. Wir haben die Hardware, die Software, die Lösungen“, berichtet Toft. 
„Krisen sind die größten Chancen, die wir als strategisch denkende Unternehmer bekommen können“, sagt Toft voller Überzeugung. „Denn wenn alles perfekt läuft, ändern wir nichts. Das Beste, was uns passieren kann, ist zu sagen, wir erkennen die Krise, wir erkennen die Optionen, und wir tun etwas. Denn das müssen wir sowieso“.
 

ENVOCONNECT 

Der Ort, an dem die gesamte Port-Community verhandelt, was als Nächstes passiert.

Dabei sein: 30. September und 01. Oktober 2026 in der Energieleitzentrale Bremen

Jetzt mehr erfahren

Diesen Artikel teilen